Inspirierende Abgeklärtheit und ärgerliche Menschenverachtung.
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(TOP 500 REZENSENT)    (VINE®-PRODUKTTESTER)    Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?) Rezension bezieht sich auf: Weltgeschichtliche Betrachtungen (Gebundene Ausgabe) Burckhardts "Weltgeschichtliche Betrachtungen" wurden um das Jahr 1870 geschrieben und werden immer noch verlegt. Das ist selten und muss schon besondere Gründe haben. Burckhardt ist das, was er schon in seiner Zeit nicht mehr für möglich hält, nämlich Universalhistoriker. Zumindest ist seine Herangehensweise an die großen Faktoren der Weltgeschichte universal-historisch. Statt uns Geschichte entlang des Stromes der Zeiten auszubreiten, arbeitet er drei zentrale "Akteure" des Geschichtlichen heraus - Kultur, Staat und Religion, deren gegenseitige Bedingtheiten er für verschiedene Kulturen zum Vergleich jeweils nebeneinander gestellt betrachtet. Also: Wo hat der Staat die Kultur bedingt, wo und wann die Kultur den Staat, wann und wie die Religion die Kultur, et cetera. Dabei springt er unbefangen durch alle Zeiten und Weltregionen, was die Lektüre kurzweilig und zu verschiedensten Assoziationen anregend macht. Im letzten Teil des Buches behandelt er die Bedeutung großer Persönlichkeiten für die Weltgeschichte (die er bejaht) und stellt sich die Frage nach dem Glück der Völker in der Geschichte (die er als Bewertungskategorie ablehnt).
Groß ist Burckhardt, wenn er als Kenner der menschlichen Psychologie und der Historie die Niedertracht des Menschen als Wirkfaktor der Geschichte in Rechnung stellt. Hierdurch vermeidet er prognostische Irrtümer und setzt sich, eigenständig, von der weit verbreiteten Fortschrittsgläubigkeit seiner Zeit ab. Auch ist er vorsichtig in Bezug auf die menschlichen Fähigkeiten, vergangene Zeiten vorurteilsfrei und ohne Eigeninteresse oder Wunschdenken zu betrachten - allein deshalb schon mißtraut er den sog. "Nationalhistorikern".
Dann aber begeht er in seinen eigenen "Betrachtungen" jenen Fehler, dessen man ihn aufgrund seiner vorhegehenden, vernünftigen Kritik für frei gehalten hätte: Hier bringt er einen, zeitweise unerträglichen, Rassismus und Ethnozentrismus ins Spiel. Manche Rassen, das setzt ohne Bedenken als Gegeben voraus, seien gar nicht in der Lage, hohe Kultur hervorzubringen - ausgerechnet die chinesische nennt er als Beispiel hierfür. Den Islam insgesamt bezeichnet er als eine "elende Religion", die jede feinere geistige Regung des Menschen unterdrücke, gestiftet von einem, für ihn, niedrigsten denkbaren Beispiel eines Propheten.
An anderer Stelle versteigt sich Burckhartdt zu offener Menschenverachtung, wenn er etwa große Kriege als Gelegenheit lobt, in denen schwache Menschen, von ihm als "Notexistenzen" tituliert, ausgemerzt werden. Außerdem sei das Glück von Nationen und Zivilisationen ja auch nicht am Glück der einzelnen oder auch nur der Mehrheit zu messen, sondern an der Höhe der Kultur, des Geistigen, die sie hervorbringe. Solche Passagen haben in mir auch beim wohlwollenden Lesen immer wieder Verärgerung hervorgerufen. Der Autor scheint unfähig, einen ganz gewöhnlichen, sich an schlicht menschlichen Maßstäben orientierten Humanismus zu akzeptieren. Die ganze Menschheit ist in seinem Weltbild bloß Materie, die gefälligst "hohe" Geistigkeit hervorzubringen habe. Zwar müsse man den bloß menschlichen Begriff des "Leids" als "Begriff" beibehalten - ansonsten habe man aber in seinen Beobachtungen die Ebene menschlichen Leids und Glücks zu verlassen, um die Zivilisationen auf ihrere eigenen, über dem Mensche stehenden Seinsebene zu verstehen. Ein großer Diktator könne deshalb auch ein Glück für sein Volk sein... u.s.w.
Dass er dabei der Schlechtigkeit der Welt das Wort redet, nämlich der Menschenverachtung, deren immer wieder drohenden Sieg er beklagt, ist ihm dabei keinen Augenblick lang bewusst.
Herr Burckhardt bleibt dabei in den eingefahrenen Spuren seiner Zeit, in der man Strenge und Unerbittlichkeit der Sprache mit Tiefsinn und Wahrheit verwechselte. Immer dann, wenn er auf diesen alten Gleisen fährt, leidet auch sein Stil und verliert sich in buttrig-schwerer, jargonhafter Pseudorationalität, in der er den Untergang der Schwachen als Humanität am Leben selbst (nämlich den Starken) verbrämt.
Hier entbehrt er auch der philosophischen Tiefe: Jede Moral muss vom leidenden und genießenden Subjekt ausgehen, nur der Mensch (in geringerem Maße das Tier) leidet und empfindet Glück - eine Eigenschaft, die man keinem Staat und keiner Zivilisation zuschreiben kann, es sei denn abgeleitet von ihren Gliedern: den leidenden oder glücklichen Menschen. Eine Zivilisation kann deshalb nur dann groß sein, wenn sie den Menschen ganz schlichte und unspektakuläre Sicherheit bietet - dies ist als Basis notwendig und dann mag sich auch Kreativität entfalten. Nicht umsonst lautet ein chinesischer Fluch: "Mögest du in interessanten Zeiten leben!".
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 10. Dezember 2008
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